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Die Emanzipation der Lebendigkeit

Davide Bocchi  Teil 1 Foto Teona GogichaishviliIm Gespräch mit unserer Redakteurin Regina Nußbaum berichtet der Wahlkölner Davide Brocchi über seine Forschungsprojekte im Bereich Nachhaltigkeit und Kulturwandel. Im ersten Teil des Interviews geht es um die Baupläne des Kulturwandels, die Bedeutung von Sozial-Kapital und den Faktor Vertrauen als Schlüssel-Element.

Regina Nußbaum: „Du beschäftigt dich in deinen Forschungsprojekten und Real-Laboren mit der Umverteilung von gemeinsamen Gütern und der nachhaltigen Nutzung des öffentlichen Raumes. In Köln hast du den „Tag des guten Lebens“ konzipiert und umgesetzt. Dabei wurden am 15. September 2013 zunächst 24 Straßen in Ehrenfeld zur Agora (Nachbarschaftsfest, mit Begegnungs- und Gestaltungs-Raum). Dieses Modell wurde auch in anderen Städten realisiert. Was ist das Besondere an deinem Forschungsansatz?“

Davide Brocchi: „Forschung bedeutet für mich nicht, dass ich die Bürger von oben nach unten beobachte und wie Objekte behandle, sondern dass ich mich selbst als Bürger ins Spiel bringe und als Mensch aufs Spiel setze. Meine Forschung ist meistens Aktionsforschung. Ich lebe selbst auf dieser Erde und möchte selbst einige Dinge bewegen. Ich stelle mir dabei große Fragen, zum Beispiel: Wie kann eine Transformation hin zu mehr Umweltschutz, Gerechtigkeit und Solidarität gehen? Allein durch Theorie lässt sich eine solche Frage nicht beantworten. Ich bin Sozial- und Kulturwissenschaftler, habe ich Bologna und Düsseldorf studiert, bei meiner Promotion in Hildesheim habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie wir von den Problemen zu den Lösungen kommen können.

Heute leben wir in einer Zeit der multiplen Krise: Finanzkrise, Klima-Krise, Krise der Demokratie. Nach Corona kommt nun der Krieg. Diese Krisen sind nicht voneinander losgelöst, sondern das Ergebnis einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung. Wir werden die multiple Krise nicht überwinden, ohne die Strukturen infrage zu stellen, die dazu geführt haben. Eine Lösung kann es nur geben, wenn wir uns vom Problem trennen können. Egal, ob es um große oder um kleine Probleme geht, der menschliche Faktor ist entscheidend und in meiner Aktionsforschung interessiert er mich besonders. Meine Erfahrung ist, dass Emotionen und Gruppendynamiken soziale Prozesse maßgeblich prägen. Für mich wird die Transformation nicht von oben kommen, daran glaube ich nicht mehr, deshalb ist mein Ansatz aus dem Lokalen heraus, durch kollektive Selbstermächtigung im Lokalen.

Sozialkapital als Transformationsschlüssel

In einer ökonomisierten Gesellschaft geht man davon aus, das Geld der Schlüssel ist. Wenn ich etwas bewegen will, stelle ich also einen Antrag. Bekomme ich das Geld, lege ich mit der Transformation los. Durch diese Vorgehensweise machen wir aber die Transformation vom Geld abhängig und dadurch auch von einer bestimmten Motivation. Für mich ist der Weg in der Transformation das eigentliche Ziel. Für die Nachhaltigkeit ist das Sozialkapital entscheidender als das ökonomische. Das Sozialkapital bringt eine andere Motivation mit sich, seine Währung ist Vertrauen statt Euro. Sozialkapital basiert auf der Fähigkeit der Menschen, unentgeltlich miteinander zu teilen. Ich bin in Italien aufgewachsen. In meiner Familie hatten die Leute nicht viel Geld, dafür hat man jedoch viel miteinander geteilt – auch in der Nachbarschaft. Geteilt wurden nicht nur Werkzeuge, sondern auch Solidarität.

Damals war das Sozialkapital für die Menschen das Fundament der sozialen Sicherheit: Ich bin nicht allein und es gibt immer ein Netz, das mich hält. Dieses Sozialkapital macht auch Städte resilienter. Barcelona konnte die Finanzkrise nach 2008 besser überstehen, weil Menschen, die ihre Arbeit verloren hatten, dort begannen, sich in der Nachbarschaft zu helfen und miteinanderzuteilen. Dabei lieferten die linken Subkulturen und die Repair-Cafés der Masse eine Überlebensstrategie in der Krise. Das Beispiel zeigt, dass die Zukunft in den kleinen Nischen vorgelebt wird. Dafür braucht es in jeder Stadt mehr Freiraum. Dort, wo eine Atmosphäre des Vertrauens und der Großzügigkeit herrscht, ist die Hemmschwelle zum miteinander Teilen niedriger. Wo es eine kulturelle Vielfalt gibt, finden individuelle und kollektive Lernprozesse statt – und dies macht Städte wie Quartiere beweglicher.

Der Tag des guten Lebens als Katalysator

Der „Tag des guten Lebens“ sollte als Katalysator einer Transformation der Stadt dienen, die aus den Quartieren herausgeht. Er bildete ein neuartiges Ritual, um das Sozialkapital in den Quartieren zu stärken. Vertrauen kann nämlich am besten dort gefördert werden, wo Menschen persönlich miteinander interagieren – und räumliche Nähe ist dabei von Vorteil. Vertrauen kann nicht in virtuellen Räumen entstehen: Dafür brauchen wir realphysische Begegnungsräume. Am „Tag des guten Lebens“ wird jede Straße zum nachbarschaftlichen Wohnzimmer, indem sie autofrei ist. Rituale fördern den Zusammenhalt nachhaltig, wenn sie nicht kommerziell sind: Am „Tag des guten Lebens“ wird der Kaffee unter Nachbarn geschenkt, nicht verkauft. Vertrauen braucht eine Ökonomie des Schenkens und der Gegenseitigkeit.

Die Ökonomie, die in jeder Wohngemeinschaft und in jedem Freundeskreis selbstverständlich praktiziert wird, herrscht am „Tag des guten Lebens“ in einer ganzen Nachbarschaft. Ganz ohne Geld könnte der „Tag des guten Lebens“ nicht realisiert werden. Gerade die Auflagen für die Nutzung des öffentlichen Raums benötigen einen professionellen Einsatz. Aber man muss immer darauf achten, dass die Wirkung des Geldes nicht überhandnimmt. In der Organisation braucht es einen sozialen Ausgleich im Verhältnis von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kräften, weil eine Zusammenarbeit zwischen ihnen Augenhöhe voraussetzt. Gleichzeitig war der „Tag des guten Lebens“ auch eine Spielwiese für die neuen Allianzen, die die Transformation zur Nachhaltigkeit braucht. So war es 2012 ein breites, buntes Bündnis, die Agora Köln, die das Vorhaben in Köln politisch durchsetzte. Es war eine Partnerschaft zwischen Zivilgesellschaft und Bezirksvertretungen, eine Public-Citizen-Partnership, die den Tag ermöglichte.

Regina Nußbaum: „Was hat dich zu deiner Forschungsarbeit motiviert?“

Davide Brocchi: „Auf dem Land in Italien bin ich in einer Großfamilie aufgewachsen. Drei Generationen saßen jeden Tag am Esstisch. Meine Großeltern waren Kleinbauern und haben uns durch die Eigenproduktion ernährt. Für sie war eine Landwirtschaft ohne Chemie keine Nachhaltigkeit, sondern Normalität: Seit Generationen kannte man die Landwirtschaft nicht anders. Die Zubereitung von Wurstsorten, Wein oder Olivenöl war nicht nur Arbeit: Darin steckte Leidenschaft und Kreativität. Es war eine Kunst. Wenn Gäste zu Besuch kamen, mussten sie zuerst immer den Wein probieren – und meine Großeltern waren stolz, wenn es gut schmeckte. Sie konnten nicht einmal die Grundschule fertig machen, aber für mich waren sie sehr weise Menschen. In diesen handwerklichen Fähigkeiten und in einem bestimmten Gemeinschaftsleben steckte viel Wissen.

Ich lebe seit drei Jahrzehnten in modernen Großstädten und der Vergleich mit der damaligen Lebensweise auf dem Land macht mir bewusst, wie sehr unser Verhältnis mit der Umwelt von den inneren Verhältnisse in der Gesellschaft abhängt. Für den Naturverbrauch macht es einen großen Unterschied, ob Individuen miteinander konkurrieren oder kooperieren; ob sie nur besitzen oder auch miteinander teilen können. Wir können das Verhältnis zur Umwelt und zum Klima nicht ändern, ohne die sozialen und kulturellen Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft zu ändern. In den siebziger Jahren habe ich erlebt, wie sich der sogenannte Fortschritt auf die ökologischen und sozialen Verhältnisse auf dem Land in Italien ausgewirkt hat. Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft sind unter anderem die Krebsraten nach oben geschossen, auch bei den Bauern: Sie hatten noch keine Erfahrung im Umgang mit der Chemie. Erst später, nach diesen Erfahrungen, wurden in unserer Region Programme für die nachhaltige Landwirtschaft gestartet. Durch die Modernisierung ist auch der Zusammenhalt verloren gegangen, die sozialen Beziehungen sind anonymer geworden. Modernisierung bedeutet eine Entwurzelung der Lebensweise. Menschen, die sich früher von den frischen Erzeugnissen der Bauern ernährten, kaufen heute im Supermarkt ein. Aber nach wie vor gilt es: Da, wo sich Menschen selbst versorgen, nutzen sie weniger Chemie – so ist es in meiner Familie noch heute.

 

Vertrauen als Basis einer Ökonomie der Nähe

Wer die Konsumenten persönlich kennt, produziert anders. Die Ökonomie basiert auf einer Wechselseitigkeit (Reziprozität). Es sind die Schattenseiten des Fortschritts, die uns bewusst gemacht haben, dass Wirtschaftswachstum nicht gleich Wohlstand ist. Es wird Zeit, Wohlstand multidimensional zu verstehen und nicht auf seine ökonomische Dimension zu beschränken. Während die heute dominante Wirtschaft von einem egoistischen Homo oeconomicus ausgeht, der nur konkurrieren und besitzen kann, braucht eine nachhaltige Wirtschaft ein anderes Menschenbild.

Der „Tag des guten Lebens“ war für mich ein Reallabor für eine Form von Ökonomie, die von einem positiveren Menschenbild ausgeht. Dabei war mein Ziel nie, die alte Dorfgemeinschaft in der Stadt herzustellen, denn traditionelle, geschlossene Gemeinschaften haben selbst Schattenseiten. Ich will verstehen, wie weltoffene Gemeinschaft geht, sprich eine Form der Gemeinschaft, die Individualität nicht unterdrückt, sondern zur Selbstentfaltung verhilft. Der Mensch ist ein Individuum und ein Beziehungswesen zugleich. Ein Organisationsmodell, das diesem Wesen gerecht wird, ist vermutlich jenes der Wohngemeinschaft. Darin gibt es nämlich Räume für die Individualität und das Private, gleichzeitig aber auch Gemeinschaftsräume für die Integration. Genau diese Gemeinschaftsräume vermisse ich in der heutigen Stadtplanung.“

Regina Nußbaum: „Du überträgst die Wohngemeinschaft quasi auf die Stadt und das Wohnzimmer ist die Agora?“

Davide Brocchi: „Meine Forschung geht in diese Richtung, ja. Die Agora war der Platz inmitten der altgriechischen Polis, auf der Politik, Markt, Gemeinschaft und Kultur stattfanden. Für mich bräuchte es eine Agora in jeder Nachbarschaft. Von der altgriechischen sollte sich die moderne Agora jedoch an drei Stellen unterscheiden. Erstens wurden damals nur Männern Bürgerrechte zugesprochen. Heute sollten alle auf der Agora einen Platz haben: Frauen, Kinder, Menschen mit Migrationshintergrund... Zweitens sollte auch die Natur als politisches Subjekt anerkannt werden, auch sie muss auf der Agora einen Platz haben. Drittens war die Sklaverei die Kehrseite der altgriechischen Agora. Auch heute leben wir auf Kosten anderer, kein gutes Leben kann jedoch auf Kosten anderer sein.

Die Agora ist weder privat noch öffentlich, sie kann weder kommerziell betrieben werden noch der Kommunalverwaltung unterliegen. Die Agora kann nur ein Raum als Gemeingut sein, das von der Gemeinschaft seiner Nutzer*innen selbst verwaltet und eingerichtet wird. Räume, die von einer ganzen Nachbarschaft geteilt werden, wirken darin als Totem, sprich als Identifikationselement in der Vielfalt. Eine Stadtplanung, die Räume als Gemeingut zulässt, fördert den Zusammenhalt und die politische Partizipation an der Basis der Gesellschaft. Eine gelebte Demokratie setzt Räume als Gemeingut voraus. Ein Beispiel dafür sind Gemeinschaftsgärten.

Gelebte Demokratie und kollektive Selbstwirksamkeit

Wenn der „Tag des guten Lebens“ ein neuartiges Ritual ist, dann zeichnet er sich auch durch die Tatsache aus, dass die Menschen darin die Stadt nicht konsumieren, sondern selbst mitgestalten. Der Bürger ist nicht Objekt der Politik, sondern Subjekt. Am „Tag des guten Lebens“ erfahren die Menschen im Quartier kollektive Selbstwirksamkeit – und was an einem Tag möglich ist, könnte das ganze Jahr auch möglich sein.

Vor dem ersten Tag des guten Lebens 2013 war die Skepsis in den kommunalen Institutionen groß, als ob nur Chaos entstehen könne, wenn man mehr Verantwortung auf die Bürger überträgt. Doch gerade der Erfolg der Initiative hat gezeigt, dass es sich lohnt, mehr Räume der Selbstorganisation und der Selbstverwaltung zuzulassen. Bei der Transformation geht es nicht unbedingt darum, dass die Institutionen mehr Aufgaben übernehmen: Sie können die Bürger*innen mehr machen lassen – und am besten dabei unterstützen. Es braucht eine Verwaltung als Ermöglicher. Man kann sich nicht vorstellen, welchen organisatorischen Aufwand die Belebung öffentlicher Räume durch die Bürger*innen mit sich bringt. Die Auflagen sind teilweise so hoch, dass die Bürger*innen gehindert werden, die eigene Straße zu beleben und zu verschönern. Bisher konnte der „Tag des guten Lebens“ stattfinden, weil es eine finanzielle Förderung gab. Das Ziel sollte jedoch sein, die Rahmenbedingungen für die Nutzung der öffentlichen Räume und das Verhältnis zwischen Bürger*innen und Institutionen so zu ändern, dass ein Stück gutes Leben jeden Tag und überall möglich wird. Heute haben sogar Autos mehr Rechte als Bewohner*innen im öffentlichen Raum.

Wertschätzung durch Mitbestimmung

Der Tag des guten Lebens ist eine Art Spielwiese, auf der Menschen selbst entwickelte Alternativen ausprobieren können. Es ist nur ein Sonntag, aber dabei können die Menschen Dinge ausprobieren, die dem Alltag und der Normalität entspringen. Was erlebt wird, entfaltet eine stärkere Überzeugungskraft, als bloß darüber zu reden. Früher war die Skepsis von Politik und Verwaltung groß, inzwischen gibt es jedoch mehrere Bezirke, die den Tag des guten Lebens bei sich haben wollen, weil ihn auch Politiker und Verwaltungsmitarbeiter selbst miterlebt haben. Menschen identifizieren sich am meisten mit Prozessen, die sie selbst bestimmt und gestaltet haben, deshalb sind viele Bewohner*innen sogar bereit, das eigene Auto stehen zu lassen, um ein Stück gutes Leben vor der eigenen Haustür möglich zu machen. Ich glaube, dass sich die Menschen gegen autofreie Sonntage wehren, wenn sie diese als Fremdbestimmung erleben. Wenn man die Demokratie stärkt, kommen viele Menschen selbst zu einer nachhaltigen Mobilität, weil keiner gerne an einer stark befahrenen Straße lebt.

Die Autofreiheit ist nicht das Ziel beim Tag des guten Lebens, sondern ein Mittel zum Ziel. Nur so kann der Freiraum für eine lebenswertere Stadt entstehen. Und nur so kann der Gestaltungsraum entstehen, in der jeder kreativ sein darf. Sobald die Straße autofrei ist, bringen viele Bewohner ihre Möbel auf die Straße: Sofas, Tisch und Stühle. Ganz eigenständig und spontan richten sie die Straße zu einem gemeinsamen Wohnzimmer ein. Sie schaffen eine Art Lagerfeuer für die Nachbarschaft, so dass ein Stück Anonymität transformiert werden kann und die Nachbarn sich persönlich kennenlernen. Diese spontanen Aktivitäten sollten für die Stadtplanung eine große Lehre sein, denn darin zeigen sich kollektive Bedürfnisse. Solche Räume und Möglichkeiten werden das ganze Jahr über gebraucht.“

Regina Nußbaum: „Ist das Bürgerzentrum Ehrenfeld eine Art von Agora im Kleinen?“

Davide Brocchi: „Wenn das Bürgerzentrum Ehrenfeld ein Gemeingut seiner Nachbarschaft wäre, dann wäre die Identifikation vermutlich größer. Auch Bürgerzentren gehören aber nicht der eigenen Nachbarschaft, sondern einer bestimmten Organisation und ihrer Köpfe. Das schafft eine Hemmschwelle in der Partizipation. Gleichzeitig können sich Nachbarschaften selten selbst und inklusiv organisieren, vor allem wenn sie heterogen sind. In Ehrenfeld wohnen viele Akademiker und einige von ihnen wussten relativ schnell, wie man eine Bürgerinitiative gegen das geplante Einkaufszentrum auf dem Helios-Gelände bilden konnte. Nicht alle Veedel haben diese Fähigkeit. Bei „Tag des guten Lebens“ reichten die Nachbarschaften allein für die Realisation nicht aus, sie haben selbst davon profitiert, Teil einer Bewegung zu sein. In der Agora Köln waren viele Kompetenzen und einige Ressourcen vorhanden. Genauso schafft auch ein Bürgerzentrum Möglichkeiten in einer Nachbarschaft, die spontan, aus sich heraus, nicht entstehen.

Die Erfahrung vom Tag des guten Lebens ist, dass selbst physische Freiräume nicht ausreichen, um die Transformation stattfinden zu lassen – denn gerade in der Freiheit können sich dominante Ungleichheiten und kulturelle Muster reproduzieren: Ist die Straße autofrei, denken die meisten an Straßenfest und Flohmarkt. Viele Menschen haben verlernt, kreativ zu sein und frei zu leben. Auch in der Freiheit drückt sich die Erziehung von Jahrzehnten aus, zum Beispiel zum Massenkonsum oder zur Selbstzensur. Auch wenn die Nachbarschaften am Tag des guten Lebens freier sein dürfen, habe ich selten wirklich subversive Aktionen erlebt. Während die Akademiker den öffentlichen Raum beleben, ziehen sich die unteren Schichten auch am Tag des guten Lebens zurück. Manche haben die soziale Ungleichheit in Form von Scham verinnerlicht. Die Erziehung von Jahrzehnten ändert man nicht an einem Tag, deshalb müssen wir die Transformation als individuellen und kollektiven Lernprozess begreifen und gestalten.

Vielfalt braucht Brückenbauer und Grenzgänger

Weil räumliche Nähe nicht automatisch soziale Nähe ist, braucht Nachbarschaftsarbeit Raumöffner, Brückenbauer, Grenzgänger und Moderatoren. Vielfalt und Buntheit klingen immer schön, die Erfahrung ist aber, dass sie auch sehr anstrengend sein können: Unter sich zu bleiben, das fühlt sich zunächst immer leichter an. Und doch findet keine Transformation statt, wenn wir nur in der eigenen Komfortzone bleiben. Auch in den Prozessen, die dem Tag des guten Lebens vorausgegangen sind, habe ich meistens eine latente Selektion erlebt, die zu einer Reduktion der sozialen Komplexität führte: Entweder entstehen Hierarchien oder es gibt eine Mehrheit, die eine Minderheit verdrängt oder die Partizipation nimmt ab, weil sich die Organisation professionalisiert und zum Selbstzweck wird. Ich habe mich immer gefragt, wie man dieser latenten Selektion entgegen wirken kann, so dass der Prozess nicht immer zu einer Wiederholung des Gleichen verkommt. Der effizienteste, leichteste Weg ist nicht immer der nachhaltigste, aber jeder alternative Weg erfordert - auch persönlich - eine höhere Investition und Anstrengung.

In Köln hatte ich nur für vier Jahre diese Energie und musste dann doch aussteigen, mich regenerieren, den Prozess und die Lehren auswerten. Ich habe damals unterschätzt, wie sehr der Erfolg und damit auch der Geldfluss zur Herausforderung für die Organisationsentwicklung werden kann. Das Geld strukturiert soziale Prozesse stark, auch weil unsere Gesellschaft jedes Individuum zur Geldkultur erzieht. Vielleicht gilt das für die jüngeren Generationen mehr als für die ältere, weil sich die Gesellschaft immer mehr ökonomisiert hat: Im Vergleich zu heute bin ich in einer alternativen Wirtschaft aufgewachsen. „There is no alternative“, so wie Margaret Thatcher sagte, das gilt für mich nicht. Viele Ideen haben einen Vater oder eine Mutter, aber eine Idee kann irgendwann nur dann gedeihen, wenn man sie loslässt. Das habe ich 2015 in Köln getan und die Agora Köln verlassen.

Ich habe die Erfahrungen des Tags des guten Lebens 2016 in einem Buch verarbeitet. Durch einen veröffentlichten Aufsatz wurden Politiker in Berlin auf mich aufmerksam und luden mich ein, das Sozialexperiment in dem Berliner Viertel Wedding zu versuchen. Während der Tag des guten Lebens in Köln bis dahin nur in wohlhabenden, kreativen Quartieren stattgefunden hatte, war der Brüsseler Kiez in Wedding ein sozial gemischtes Quartier, in dem die Gentrifizierung noch nicht stattgefunden hatte. Das fand ich als Sozialwissenschaftler spannend. Als Reisender aus Italien wollte ich die Möglichkeit nutzen, einen neuen Planeten nach Köln kennenzulernen. In Berlin habe ich so drei Jahre intensiv und ehrenamtlich gearbeitet, nur die Reisekosten wurden übernommen. Aus einem Kiez wurden am Ende drei, der zweite war in Neukölln und der dritte in Lichtenberg. Was die Agora Köln hier war, wurde dort das Bündnis „Gutes Leben Berlin“. 2019 stimmte das Berliner Abgeordnetenhaus für eine zweijährige Finanzierung des Tags des guten Lebens, im Haushalt 2020/2021 wurden 360.000 Euro dafür reserviert. Ich habe so viel gelernt, dass ich nun mit Vorträgen mein Geld verdiene. Das war nicht der Grund, wofür ich damals alles getan habe: Das hat sich dann so ergeben. Ein Aktionsforscher lässt sich von der Neugierde und der Leidenschaft leiten. Forschung ist manchmal eine Berufung. Auch wenn die Erfahrungen in Köln und Berlin viel Energie und Zeit in Anspruch genommen haben, hat sich darin ein Stück Lebendigkeit entfaltet. Dafür bin ich dankbar.“

Im zweiten Teil des Interviews beschreibt Davide Brocchi, wie Städte und Orte durch Kulturwandel resilienter werden können und warum dazu ein anderes Menschenbild notwendig ist.

Zur Person:

Davide Brocchi, geboren 1969 in Rimini, lebt in Köln, ist Sozial- und Kulturwissenschaftler und erforscht gesellschaftliche Transformationsprozesse in Theorie und Praxis. 2021 promovierte er am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Davide Brocchi ist Autor und hat einige Bücher veröffentlicht.

Weitere Infos: www.davidebrocchi.eu

Text: ©Regina Nußbaum
Foto: Davide Brocchi, ©Teona Gogichaishvili

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