Ladenburger Künstlerin Gudrun Schön-Stoll im „Porträt“

urgaSieh mich an! Zum Tode verurteilt stehe ich hier vor Dir. Kenne weder Vater noch Mutter. Bin geboren worden um für Dich zu sterben. Was geht in Dir vor, wenn Du mich und meinesgleichen siehst?  Läuft Dir das Wasser im Munde zusammen oder sind wir Dir grundsätzlich egal, solange wir leben? Vielleicht empfindest Du auch Freude  wenn Du in unsere sanften Augen blickst und   die friedliche Botschaft  unseres Daseins erahnst. Schade nur, dass Fleisch keine Augen hat! 

Was willst Du mir sagen, wenn Du von artgerechter Haltung sprichst? Denkst Du es verreckt sich leichter, wenn man vorher auf der Wiese stand? Glaubst Du im Ernst auf diese „MENSCHLICHE“ Art sei es für uns erträglicher vor unserer Zeit zu sterben? Für Dich ist es erträglicher -  und nur für Dich! Kannst nicht verzichten auf meinen Geschmack! Für Deine Gesundheit brauchst Du mein Fleisch und meine Geweide. Dein Eisenwert könnte sinken. Dein Blut könnte wässrig werden, so wie Dein Leben. 

Pass auf! Alles was wir anderen geben kehrt ins eigene Herz zurück. Alles was in mich gepumpt wurde wird auch in Deinen Körper gelangen. Wenn sie mich holen steigt mein Adrenalinspiegel und meine Angst frisst sich in Deine Seele! 

Sieh mich an!  Unter Todesangst werde ich wenn meine von Dir bestimmte Zeit gekommen ist  zum Schlachthof transportiert, wie eine Ware. Sie schneiden mir die Kehle durch,  schlitzen mich auf, teilen mich  in Scheiben ein und lassen mich so in die Anonymität gleiten, die Du doch so liebst.  Denke in Zukunft bei jedem Bissen meines Fleisches daran, dass ich für Dich mein Leben lassen musste und sei mir zumindest dankbar für dieses Opfer! 

Sieh mich an! Du hältst mich für dumm, doch vielleicht trage ich die Weisheit der Welt in mir. Die Weisheit, die mich wissen lässt, dass wir alle eins sind, für die Ewigkeit verbunden und doch so verloren. 

Sieh mich an und werde menschlich,  Mensch!

1654171157857Liebe Frau Schön-Stoll, Ihre aktuelle Ausstellung „Sieh mich an“, trägt eine weitreichende Historie. Können Sie uns hiervon berichten? 

Sehr gerne! Im Jahr 2007 klingelte ein Landwirt aus der Region an meinem Atelier. Ich hatte die Wochen zuvor schon davon gehört und gelesen, dass er sich mit seinem Kunstprojekt „Ku(h)nst“ für an Krebs erkrankte Kinder stark macht und Spenden sammelt. Künstler*innen aus der Region gestalteten im Auftrag des Bauern und einer Patin/eines Paten jeweils eine lebensgroße Kunststoffkuh in bunter Vielfältigkeit. Schirmherr der Aktion war der Baden-Württembergische Landwirtschaftsminister. Nun wurde also auch ich angefragt und Patin war die Stadt Ladenburg. Ich teilte dem Landwirt mit, dass ich sehr geehrt sei, dass die Stadt mich für sich ausgewählt hat, ich mich jedoch außerstande sehen würde, dieser Bitte nachzukommen. Der künstlerische Wert des Bemalens einer Kuh sei mir als hauptberuflicher Künstlerin einfach nicht klar. Da ich dann ausdrücklich in seinem und im Namen der Stadt Ladenburg darum gebeten wurde, den Auftrag doch anzunehmen, willigte ich ein, mir Gedanken zu machen, in welcher Art ich in meiner Formsprache eine Kuh gestalten könnte. 

urg 1Nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Entschluss, die von mir gestaltete Kuh im Sinne der Tiere Form werden zu lassen. Die Kunst als Botschafterin zu verstehen. Zusammen mit meiner Familie lebe ich seit vielen Jahren vegetarisch/vegan und das Wohl und der Schutz der Nutztiere und der Haustiere liegt uns allen sehr am Herzen. Ehrlich gesagt fand ich es unpassend, Abbilder dieser geschundenen, meist in der Massentierhaltung lebenden Tiere für das Projekt zu verwenden. 

Ich versuchte mir also vorzustellen, was die Kühe uns mitteilen würden, wenn sie denn könnten und so entstand die flehentlich-poetische Anklage „Sieh mich an“. An einem kleinen Schleich-Modell machte ich sichtbar, dass ich der Kuh lediglich die Augen, das sogenannte Tor zur Seele, gestalten und ihr ein Fleischernetz aufzeichnen würde. 

Auf der lebensgroßen Kuh wollte ich dann den Text quasi um sie herum auf die Plastik schreiben, sodass der Betrachter und die Betrachterin die Kuh umrunden müssten und ihr so eine gesteigerte Wichtigkeit geben würden. 

herzchenAls Text und Modell fertig waren, machte ich mit dem Landwirt einen Termin in meinem Atelier aus und stellte ihm beides vor. Seine Reaktion war, dass er mit einem derartigen Entwurf nicht gerechnet hätte, dass ihm aber der künstlerische Wert durchaus klar sei und er das Wagnis eingehen würde. Er wollte noch mit der Stadt Ladenburg und dem Schirmherren Rücksprache halten, da die Thematik doch etwas außergewöhnlich und auch brisant sei, wofür ich durchaus Verständnis hatte. Lange Rede, kurzer Sinn, mein Vorschlag scheiterte am Landwirtschaftsministerium. 

Sie planen eine Art „Nachgang“. Was ist Ihr konkretes Ziel mit dieser, nun, nennen wir es Aufklärungsarbeit? 

Nachdem das Projekt damals erst einmal von mir auf Eis gelegt wurde, habe ich mich dieses Jahr dazu entschlossen, es in eigener Regie und leicht verändert wahr werden zu lassen. Statt einer Kuh habe ich aus Transportgründen ein Kalb genommen und den Text auf Tafeln drucken lassen. Zusätzlich sind eine Assemblage und eine Plastik entstanden. Die immer schlimmer werdenden Zustände in der Tierhaltung haben mich dazu gebracht und die Beschäftigung mit diesem Thema musste ich als Künstlerin Form werden lassen. Man stelle sich vor, dass 97 Prozent der Nutztiere in der Massentierhaltung dahin vegetieren. Zwei Millionen Tiere werden allein täglich in Deutschland geschlachtet. Das Verlangen der Konsumenten ist haltlos. Viel Fleisch für wenig Geld ist die Devise! Und alles hinter verschlossener Tür, anonym portioniert für den Verbraucher, der auch gar nicht soviel Information möchte. Mit einem Wort ein „Tiermassenmord“, der von der Regierung toleriert wird. Das muss sich ändern! 

Frau Schön-Stoll, welche Reaktion erhoffen Sie, beim Baden-Württembergischen Landwirtschaftministerium, oder gar in Folge, bei Herrn Cem Özdemir, zu erwirken? 

urgDie Aussage meiner Ausstellung ist keine verurteilende, sondern eine auffordernde, das Herz öffnende für das Unrecht. Ich versuche denen Sprache zu geben, die keine haben. Hier in meinem SHOWROOM hatte ich bei der Vernissage viele Besucher und viel positives Feedback. Auch die Presse war sehr gut. Und stellen Sie sich vor, eine Dame wurde so inspiriert, dass sie mir eine Woche später sagte, dass sie nun ganz auf Fleisch verzichten wird. Im Verlauf der einen Monat dauernden Ausstellung kamen jedoch, im Gegensatz zu sonst, sehr wenige Besucher in meinen SHOWROOM. Der Blick vom Schaufenster zu den Tafeln und dem Kalb schreckte wohl viele ab. Wahrscheinlich hatten die Menschen Angst vor einer Diskussion, die jedoch nur auf deren Wunsch stattgefunden hätte. Wie schade! Doch nun zu Ihrer eigentlichen Frage, liebe Frau Zundel! Ich wünsche mir von den Menschen in der Regierung, die die Möglichkeit haben etwas zu ändern, dass auch sie sich in die Tiere versetzen und erkennen, dass es so nicht weitergehen kann und dass dringend gehandelt werden muss. Keine Massentierhaltung mehr und mehr Aufklärung! Hier möchte ich gerne ein Zitat von Leo Tolstoi anführen: „ Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben“.  

urgasaLiebe Frau Schön-Stoll, wenn Sie einen Wunsch „frei“ hätten, wie würde dieser lauten? 

Das Tiere, wie der Mensch, als fühlende Wesen wahrgenommen werden. Das sie weder gequält, noch getötet werden.

Weitere Informationen zur Künstlerin unter: https://www.schoenstoll.de/

Porträtfoto ©Gudrun Schön-Stoll 
Fotos ©  Hans Robert Schmidt
Porträt/Interview © Katja Zundel - Koeln-InSight.TV

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