Interview mit Kai Eberhardt - Vom Prügelknaben zum Friedensläufer

kai_eberhardt_wwmDer aus Thüringen stammende Kai Eberhardt ist ein junger Mann, der viele Tiefen, Frustration und Gewalt bereits in frühester Kindheit erfahren hat.
So ist es nicht verwunderlich, dass er irgendwann resignierte. Die Folgen waren Schlägereien, Drogen, Alkohol, Kriminalität und schließlich Knast.
Irgendwann machte sein Körper die Tortur nicht mehr mit. Er musste aufhören Alkohol zu trinken und hat ganz langsam und Schritt für Schritt in ein gutes Leben gefunden.

Mittlerweile ist er als Friedensaktivist in der Humanistischen Bewegung aktiv. Neben Jugendarbeit, reiste Kai zwei Monate im Basisteam des Weltweiten Marsches für Frieden und Gewaltfreiheit, durch Europa, Afrika und Amerika. Das Ziel war hierbei das Bewusstsein für Frieden zu stärken.

Wir haben Kai getroffen und ihn zu seinem Lebensweg befragt:

Hallo Kai. Du sagst selbst deine Kindheit war nicht besonders toll. Was meinst du damit. Mit welchen Schwierigkeiten hattest du zu kämpfen?
Wir lebten damals zu fünft in einer kleinen 2,5 Zimmer-Wohnung. Mein Vater floh aus der Enge der Familie und war eher in der Kneipe, als zu Hause. Ich bin ein Zwilling und hatte ständig Streit mit meinem Zwillingsbruder. Meine Mutter war völlig überfordert mit uns, so dass wir viel draußen waren und uns rumgetrieben haben.
Ich hatte immer Angst, vor meinem Vater, den Streitereien mit meinem Bruder und vor den älteren Jungs in unserer Schule. Sie haben in mir einen idealen Prügelknabe gefunden. Das bekam ich dann auch zu spüren.

Das war sicher hart. Gab es etwas, was dich positiv beeinflusst hat?
Ja, was mir nachhaltig sehr geholfen hat, war, dass ich lange Zeit Handball gespielt habe. Ich habe dadurch Gruppendynamik und Gruppengefühl kennen gelernt. Ich habe erfahren wie wichtig es ist, in der Gruppe zu arbeiten, um zusammen zu einem Ziel und Erfolg zu gelangen. Es ist ein schönes Gefühl, dass alle in der Gruppe an dem gleichen Ziel arbeiten und für etwas kämpfen. Natürlich hat mir der Handball auch Selbstvertrauen gegeben. Ich war Torwart und hatte somit eine besondere Position. Und ich war ganz gut darin.

Zu Beginn warst du ein guter Schüler. Was ist passiert, dass du die neunte Klasse wiederholen musstest?
Nun…das war während der Wendezeit.
Diese war sehr turbulent und ich war gerade in einem schwierigen Alter, der Pubertät. Für mich war es damals sehr erschütternd die Verlogenheit der Lehrer zu sehen. Als ich die neunte Klasse wiederholt hatte, war ich froh da raus zu kommen, um die EX-Sozialisten nicht mehr sehen zu müssen. Die hatten uns jahrelang auf den Sozialismus eingeschworen und zum Klassenkampf getrimmt. Und von heut auf morgen waren das auf einmal alles Kapitalisten. Für mich war das erschütternd, denn das ganze Wertesystem hat plötzlich nicht mehr gezählt.

Nachdem du aus deiner Lehrausbildung geflogen bist, bist du völlig abgerutscht. Welche Ursache hatte das?
Ich bin in die Punkerszene gewechselt. Ich bekam Kontakt zu Drogen und habe auch alles ausprobiert. Ich dachte mir: „Scheiß aufs Leben. Mach dich selbst kaputt, bevor es jemand anders tut!“
Ich habe mich da für ziemlich lange Zeit selbst verloren. Ich habe eigentlich neben mir her gelebt. Ich war auch ziemlich schnell unzufrieden mit der Situation, steckte aber tief drin. Es waren nicht die Jungs, die mich störten, das war super in der Gruppe.

Was war es dann?
Unsere Ideologie war völlig daneben: Haut se, Haut se, Haut se auf die Schnauze! Mein Leben war geprägt vom täglichen Klauen gehen und Stoff besorgen, um meine Drogensucht zu befriedigen. Wir hatten viele Prügeleien mit Nazis, mit einfachen Menschen, mit der Polizei. Das war eine Parallelwelt. Wir waren gegen das System und schließlich gegen uns selbst.

Irgendwann hat dein Körper rebelliert. Du hattest zum wiederholten Mal eine entzündete Bauchspeicheldrüse. Das war gleichauf der Wendepunkt in deinem bisherigen Leben. Was hast du geändert?
Ich stand plötzlich vor der Wahl: Weitersaufen und sterben oder aufhören? Da ich noch ein Weilchen leben wollte, habe ich also aufgehört.
Ich hatte damals bereits eine Umschulung begonnen und mein Leben in andere Bahnen gelenkt.
Es war gut. Ich steckte mir Teilziele. Zuerst habe ich die Umschulung erfolgreich beendet. Dann habe ich gearbeitet, um Berufserfahrung zu sammeln. Dann bin ich nach Köln gezogen. Hier habe ich lange Zeit in meinem Beruf gearbeitet. Zudem bin ich Vater geworden, was mir noch einmal mehr Kraft gibt, meinen Weg weiter zu gehen.

Welche Konsequenzen zogen sich aus deiner unsteten Zeit?
Das größte ist natürlich meine Gesundheit. Meine Bauchspeicheldrüse wird nie mehr richtig arbeiten. Wenngleich ich Glück habe, dass dies nicht ganz so gravierend ist. Außerdem habe ich sehr viele Schulden angehäuft.

Was hast du unternommen, um aus dem Schuldenberg hinaus zu kommen?
Ich bin zur öffentlichen Schuldnerberatung gegangen. Die haben dann ersteinmal meine Papiere sortiert. Ich habe ja völlig den Überblick verloren. Danach sind wir daran gegangen die Schuldner zu kontaktieren und entsprechende Rückzahlungsvereinbarung zu treffen. Mittlerweile ist es so, dass ich einen Schuldenbereinigungsplan habe, wo ich über sechs Jahre lang, einen Teil der Schulden zurück zahle. Der Rest wird erlassen. Das ist ein rießiger Rattenschwanz, doch bald habe ich es geschafft und ich bin Schuldenfrei.

Also ist es ratsam eine Schuldnerberatung aufzusuchen, wenn die Schulden über den Kopf wachsen?
Ja, ich kann das nur empfehlen. Die Schulden muss man zwar, klar zurückzahlen. Aber es ist doch ein gutes Gefühl, wenn man mit Rat und Tat unterstützt wird. Natürlich waren die Mitarbeiter zunächst skeptisch bei mir. Doch nachdem sie bemerkten, dass es mir ernst war, halfen sie mir immer mehr.

Du sagst, es muss doch einen Sinn haben, dass du aus dem Teufelskreis raus gekommen bist. Das war sicher nicht einfach. Wie bist du zu dir gekommen?
Das ist ein langer Prozess, der immer noch andauert. Ich war, selbst als ich schon in Köln wohnte und aus den alten Punkerkreisen raus war, teilweise noch sehr aggressiv. Ich habe mich schnell provozieren lassen. Erst nach und nach begriff ich, dass dies meine Aggression ist, nicht die der anderen.
Ich habe dann auch eine Psychotherapie gemacht, welche mir die Augen öffnete.
Ich setze mich nun sehr intensiv mit mir selbst auseinander. Es hilft mir meinen Frieden zu finden.

Du bist in der Humanistischen Bewegung aktiv und warst zwei Monate im Basisteam des WWM – Weltweiten Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit. Heißt das du möchtest nicht nur Frieden mit dir selbst schließen, sondern möchtest Menschen ermutigen, es selbst zu tun?
Ja, denn innerer Frieden ist die Vorraussetzung für Frieden miteinander. Ich bin froh, dass ich endlich einmal FÜR etwas bin. Früher war ich gegen alles. Ich fühle in mir drin, dass ich den Menschen zeigen kann, dass ich mein Leben verändern kann.
Es macht einfach unzufrieden, zu wissen wie ungerecht die Welt ist. Glanz und Gloria und bittere Armut liegen so nah beieinander. Einfach nichts dafür zu tun, etwas zu ändern, ist für mich nicht möglich.

Vielen Dank für das offene Gespräch!
Ilka Baum

Kontakt:

Kai Eberhardt: kai.eberhardt@yahoo.de

Weitere Informationen:

Interview: Kai Eberhardt - Weltweiter Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit

www.muelheimer-stimmen.de