Interview mit Kai Eberhardt – Weltweiter Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit!

wwm_kai_eberhardt_friedenskanone.jpgDer junge Kölner Kai Eberhardt nahm in der Zeit vom 06. November bis zum 02. Januar am WWM – dem Weltweiten Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit, teil. Er reiste mit dem Basisteam von Berlin aus durch Südeuropa, Ostafrika und schließlich fast durch den gesamten Kontinent Amerika.
Grund für den Marsch, der von der Humanistischen Bewegung initiiert wurde, war ein Bewusstsein für das friedliche Lösen von Konflikten zu schaffen.

Wir haben den Ex-Thüringer getroffen, und ihn zu seinen Erlebnissen befragt.
 
Hallo Kai, wie bist du dazu gekommen, an dem WWM teilzunehmen?
Als ich zum ersten Mal vom Marsch gehört habe, fand ich das eine tolle Sache, aber ich habe nicht daran gedacht mit zu gehen. Ich wurde mehr oder weniger darauf gestoßen.

Zu Beginn wolltest du auch gar nicht mitfahren. Arbeit, Geld, deine Tochter, haben dich zögern lassen. Warum hast du es dir anders überlegt?
Ich habe natürlich erstmal an meine ganzen Verpflichtungen gedacht. Nach einiger Zeit und Gesprächen, wurde mir bewusst, dass das alles lösbare Probleme sind. Das schwierigste war, dass ich meine Tochter zwei Monate nicht sehen konnte. Dieser Punkt hat mich auch am längsten Zögern lassen. Schlussendlich ist es eine absehbare Zeit gewesen. Wenn ich ein Jahr oder länger weg wäre, dann wäre das etwas anderes.

Also waren das eher praktische Gründe. Hattest du keine Überlegungen bezüglich der Aktion selbst?
Die Beweggründe kamen eigentlich erst im Nachhinein, als ich zugesagt habe. So, wie ich oft  bin. Ich stürze mich in etwas rein, weil ich ein gutes Gefühl habe und dann im Nachhinein überlege ich, was ich da eigentlich mache. (lacht)

Welche waren das?
Es war der Gedanke an etwas Großem teilnehmen zu können. Tausende Menschen weltweit haben gemeinsam mit Freude und Engagement an dem gleichen Pullover gestrickt. Es herrschte eine Verbundenheit aller Menschen mit dem Projekt. Das war auch auf der Reise toll, da wir alle ja schon lange involviert waren und viel vorbereitet haben. Damit hatte ich einfach einen anderen Blick für die Leute vor Ort. Weil sie genauso wie wir, schon ein, zwei Jahre aktiv waren und Probleme aus dem Weg geräumt haben.

Da spricht der Teamplayer. Du hast lange Zeit Handball gespielt. Hast du eine wwm_herzenVision, die dich auf den WWM geschickt hat?
Es ist schön, mitzuhelfen an einer besseren Welt zu arbeiten. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass die Welt, durch eine solche Aktion von heute auf morgen besser wird. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt, unsere Stimme erhoben und Gesicht gezeigt. Somit möchten wir langfristig ein Bewusstsein schaffen, dass eine Welt ohne Gewalt möglich ist. Dass das keine Utopie ist.

Also bist du froh dieses Projekt durchgeführt zu haben?
Ja, denn ich bin froh endlich selbst einen Beitrag zu leisten und mit meinem Dasein, mit meiner Stimme etwas anzufangen.
Früher war ich eigentlich gegen alles. Das System war sch…, die Welt war ungerecht und mein erstes Problem war, wo kriege ich mein nächstes Bier her. Ich habe meinen Hintern einfach nicht hoch gekriegt.

Was ist heute anders?
Jetzt bin ich froh, dass ich FÜR etwas bin. Dass ich mitmache und mittendrin bin. Ich bin glücklich, dass ich den Mut habe, mich an solchen Aktionen zu beteiligen und meinen Worten Taten folgen lasse. Ich habe keine Angst mehr, was andere von mir denken. Ich habe andere immer als Spiegel genommen, wie ich bin und wie ich nicht bin. Die Antworten auf meine Fragen, stecken aber in mir selber.

Du bist in Berlin, zur Feier des 20-jährigen Mauerfalls gestartet. Was für ein Erlebnis war das für dich, als ehemaliger DDR-Bürger?
Das war sehr bewegend für mich. Das ganze Drama von damals, kam wieder hoch. Ich hatte die Bilder plötzlich wieder im Kopf. Niemand hätte damit gerecht, dass diese Wende friedlich von Statten geht.

War es ein sinnvoller Start für dich?
Ja es konnte keinen besseren geben. Ich stand da, mitten in Berlin. Da, wo vor zwanzig Jahren eine scheinbar unüberwindbare Mauer stand. Keiner hätte damals gedacht, dass sie mal weg kommt. Das war sehr ergreifend. Der Mauerfall ist ein schönes Beispiel für die Welt, dass Mauern, die wir errichtet haben, auch friedlich wieder zum Einsturz gebracht werden können. Das sind nicht nur Phrasen, dass es friedlich geht - Es geht!

Welche Mauern hast du während des Marsches gesehen?
In Nordafrika traf ich teilweise auf eine Mauer des Schweigens über tatsächliche Probleme. Eine Sichtbare Mauer sah ich zwischen Tijuana (Mexiko) und San Diego (USA). Das ist etwa die Entfernung, wie zwischen Köln und Leverkusen. Dazwischen verläuft eine riesige Mauer. Auf der einen Seite ist Macht und auf der anderen Seite Ohnmacht.

Was ist deine Erkenntnis daraus?
Es ist unerlässlich zu erkennen, dass es der falsche Weg ist, eine Mauer um sich herum zu bauen. Man kann die Armut nicht aussperren. Europa ist drauf und dran den gleichen Fehler zu machen.

wwm_punta_de_vacasDu bist zum ersten Mal in deinem Leben über die Grenzen Europas hinausgegangen. Von Berlin ging es zunächst durch Italien und Spanien, nach Marokko. Wie hast du das erlebt?
Der Beginn war noch alles Party. Doch dann sind wir nach Afrika gekommen. Das war schon schockierend. Die Bilder kenne ich zwar aus dem Fernsehen, aber das live zu sehen, war erschütternd. Im Angesicht solch konzentrierter Armut, sollten wir uns schämen, davon zu sprechen, dass in Deutschland ebendiese herrscht.
Ich habe nicht viel von Afrika gesehen, es waren nur drei Länder. Wenn ich mir vorstelle, dass es in manchen Regionen noch schlimmer ist, das ist mir unmöglich.

Ihr wart in Marokko, Mauretanien und dem Senegal. Was hast du von den Menschen erfahren?
In Mauretanien habe ich eine Bürgermeisterin kennen gelernt, die wirklich etwas bewegt. Sie möchte etwas an den Lebensumständen in ihrer Gemeinde verändern. Das war ein kleiner Hoffnungsschimmer. Mit viel Engagement hat sie schon sehr viel gemacht.

Du spricht von der Bürgermeisterin des Ortes Nouakchott, der Commune de Tavragh-Zeina. Die Internetadresse lautet: http://www.mairie-t-zeina.mr Was genau wird dort getan?
Es wird ein Schulwesen in Gang gebracht, damit die Kinder wenigstens Lesen, Rechnen und Schreiben können. Auch im Bereich Umwelt wird hier etwas getan. Es muss einfach ein Bewusstsein geschaffen werden. Was mich da auch sehr beeindruckt hat, dass hier alle Formen der Gewalt offen angesprochen wurden. Mauretanien ist ein sehr religiöses Land, doch wurde über religiöse Gewalt gesprochen, über Gewalt an Frauen, in der Familie und an Kindern. Was nicht in allen Ländern möglich war.

Du möchtest in Mauretanien aktiv werden und die Bestrebungen der Menschen unterstützen. Worum geht es dabei?
Da fehlt es an allem. An öffentlichen Verkehrsmitteln, die z.B. Kinder in die Schulen bringen, es gibt keine Müllabfuhr und die medizinische Versorgung ist katastrophal. In Mauretanien möchte ich kurzfristig medizinische und finanzielle Hilfe leisten. Weil das sehr von Nöten ist. Gerade für die Krankenversorgung, wie auch für Schulen und Kindereinrichtungen, wird Geld benötigt. Langfristig möchte ich ein Humanistisches Zentrum aufbauen und die Organisation der Kommunen unterstützen, wenn sie es wollen. Wer mir dabei helfen möchte, kann sich gern an mich wenden.

wwm_kai_eberhardt_grenzschild.jpgVon Afrika seid ihr nach Amerika gereist. Du bist dort durch die USA, durch Mittelamerika und über die Anden nach Argentinien gereist. Was hat dich an diesem Kontinent am meisten beeindruckt?
Es gibt so viele Eindrücke. Los Angeles und die Anden, waren mit Sicherheit Höhepunkte. Was ich sehr beeindruckend fand, waren die Zeremonien der Ureinwohner von Mittel- und Südamerika.
Es war wie eine Berührung mit einer anderen Welt.

Was meinst du damit?
Ich habe an den Orten bereits bei der Ankunft stets eine sehr starke positive Energie wahrgenommen. Das ist vergleichbar mit dem Gefühl, wenn man das erste Mal in den Kölner Dom geht.
Bei einer Zeremonie, sagten uns Menschen einer Gemeinschaft von Ureinwohnern, dass es kein Zufall sei, dass wir heute hier sind. Denn ihre Ahnen hatten ihnen bereits mitgeteilt, dass eine Gruppe von Menschen kommt, die auf die Missstände aufmerksam macht. Das hat also multiplikatorische Bedeutung gehabt.

Eine besondere Zeremonie hast du in Bolivien bei Indichanas zu Hause erlebt. Wie war das?
Das war sehr privat und ohne Kameras. Zuvor haben wir Opfergaben auf einem Markt gekauft. Die Zeremonie war mit Gebeten und Gesängen verbunden, an denen jeder teilnimmt. Das war sehr meditativ. Wir haben die Gaben in die Mitte gelegt und ein Gebet gesprochen. Danach wurde alles angebrannt. Im Anschluss haben wir im Garten gebetet.
An einem Ort, wo nichts „zivilisiertes“ ist, fühlt man sich viel mehr mit der Natur verbunden. Es gab kein Flugzeug, keinen Straßenlärm, nur die Kühe auf dem Feld. Das war wunderschön.

Nun ist der Marsch vorbei und du bist wieder in Köln. Wie ist dein Fazit?
Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich die Reise verarbeitet habe. Es gab richtig schöne Veranstaltungen, Konzerte. Wie in Santiago de Chile, wo über 60.000 Menschen ein riesiges Fest veranstaltet haben.
Auch das Finale in Punta de Vacas war unbeschreiblich schön. So viele Menschen haben zusammen und aktiv gearbeitet, um diese Weltweite Friedensdemonstration auf die Beine zu stellen. In meinen Augen war es ein super Erfolg. Sicher kann man daraus lernen und manche Sache ändern, damit es glücklicher abläuft. Aber auf breiter Linie haben wir viele Menschen erreicht und Mut gemacht.

Was hat das Abenteuer Weltweiter Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit bei dir bewirkt?
Ich habe Orte, Städte gesehen und bin Menschen begegnet, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Ich habe die Schönheit der Welt gesehen. Lateinamerika, die Faszination Wüste, die Berge, das Meer.
Afrika hat mich geschockt, aber auch fasziniert. Vor allem, dass die Menschen ihre Freude am Lachen und am Leben nicht verlieren, war erstaunlich für mich.
Alles in Allem bin ich mir ein weiteres Stück näher gekommen. Denn es kann kein Zufall sein, dass ich nach Alkohol, Drogen und Knast, nun diesen Friedensmarsch mitmachen durfte.

Das heißt..? was wirst du jetzt tun?
Ich werde weiter daran arbeiten, Menschen zu zeigen, dass wir Probleme friedlich lösen können.
Über den Marsch möchte ich eine Synthese machen und die Erlebnisse erst einmal ordnen. Es wird einen Bericht über meine Erlebnisse des WWM geben.
Zudem möchte ich mich in Mauretanien engagieren und hier in Köln weiter Jugendarbeit leisten.

Wir wünschen dir viel Erfolg bei deiner Arbeit und bedanken uns für das Gespräch!

Ilka Baum

Kontakt: kai.eberhardt@yahoo.de

Informationen:

Interview: Vom Prügelknaben zum Friedensläufer

www.muelheimer-stimmen.de