Thomas Kellner „Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes heute“

Thomas Kellner Fachwerkhaus 2022 Mit den Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes heute, von Thomas Kellner begibt sich der gleichnamige Künstler auf die Spuren von Bernd und Hilla Becher und die Suche nach dem Schnittpunkt von dokumentarischer und künstlerischer Fotografie, von objektiver Distanz und durchdringender Nahbarkeit.

Andrea Gnam fasst in ihrem Beitrag im Katalog zu den Fachwerkhäusern treffend zusammen, inwiefern der Künstler seine Fotografien verändert hat, um dem künstlerisch-dokumentarischen Paradigma der Bechers zu entsprechen. Zunächst habe er der Fotografie nachträglich die Farbe genommen und in eine Schwarzweiß-Aufnahme mit farbigen Details verwandelt. Zu dem monochrom gehaltenen Fachwerkhaus gesellen sich in Farbe situationsbedingte Überreste alltäglichen Lebens wie etwa ein Auto, ein paar Blumen oder ein Eimer. Der Kontrast werde im Bild weiterhin durch einen in Unschärfe verbleibenden Hintergrund erreicht, der den Fokus allein auf das Gebäude lenkt.1 Indem Kellner auf diese Weise mit den technischen Mitteln und Möglichkeiten der heutigen Zeit spielt und weder den Schwarzweiß-Aufnahmen der Bechers zu sehr nacheifert noch die farbige Fotografie gänzlich ohne Eingriff seinerseits belässt, emanzipiert er sich von den künstlerischen Vorbildern dieser Werkserie und findet zu seinem eigenen mehr oder weniger objektiven Blick auf Architektur. Fraglos steht das Fachwerkhaus als Ganzes im Vordergrund der Bilder, ein besonderes Augenmerk gilt jedoch den akzentuierten alltäglichen Gegenständen, die das Haus als Nutzungsobjekt kennzeichnen. Es wird klar, das Gebäude wird bewohnt und mit Leben gefüllt. Umso interessanter ist, dass Bernd und Hilla Becher auf solche Überreste verzichteten, sie sogar bewusst umgingen.

Die Bechers fixierten visuell systematisch die Industriekultur und veranschaulichten in zusammengestellten Tableaus Analogien und Differenzen der architektonischen Bauten gleicher Funktion und aus gleichem Baumaterial. Das verfolgte Ordnungsprinzip des Künstlerehepaars war folglich eine gestalterische und visuelle Typologie nach Konstruktions- und Funktionsentsprechungen. Während sie demzufolge an einem vergleichenden Sehen innerhalb ihrer Werke interessiert waren, wagt Kellner den Schritt seine Bilder den becherschen Aufnahmen gegenüberzustellen, ein werkübergreifendes Analysieren wie es Gnam nennt.

Der Künstler fokussiert sich somit nicht nur auf den jetzigen Zustand, wie bereits angeführt wurde, sondern vor allem auf den Wandel, den die Fachwerkhäuser in den letzten 50 Jahren durchgemacht haben. Seine Bilder sind ebenso Abbild eines Zustands wie eines Prozesses, ein Grund mehr für Thomas Kellner an gewissen Stellen mit der künstlerischen Attitüde der Bechers zu brechen. Die Fotografien der Fachwerkhäuser decken Veränderungen in Sozial- und Wohngeschichte auf, sind Spiegel der aktuellen Gesellschaft, der Siegerländer Wohnkultur und Architektur sowie des Zeitgeists. Ihre nachträgliche Bearbeitung, die farbigen Details und die Unschärfe im Hintergrund, weisen jedoch auch fototechnisch ins 21. Jahrhundert und dokumentieren die Weiterentwicklung der Fotografie und ihrer Bearbeitungsmethoden. Somit ist die Frage nicht mehr, welche Fotografien neutraler und objektbezogener sind, sondern was sie transportieren und wie sie zusammenwirken, also was der visuelle Vergleich sichtbar macht.

Vom 4. März bis 2. Juni 2023 werden die Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes heute, von Thomas Kellner in der in focus Galerie in Köln zu sehen sein. Eine Werkserie, die mit den technischen Möglichkeiten von heute und dem fotografischen Erbe der Bechers spielt und noch dazu direkten Bezug auf die Heimat des Künstlers nimmt. In seinem Schaffen verfolgt er eine Trilogie, in der er künstlerische Positionen der Region, etwa von den Bechers oder August Sander, aufgreift, mit Motiven des Siegerlands kombiniert und sich selbst als Künstler der Region behauptet.

Parallel zeigt die in focus Galerie im Kabinett Herman van den Booms “101 Movies”. In den 1950er und 60er Jahren gab es in den Vereinigten Staaten rund 4000 Autokinos. 15-20 Jahre später existierten nur noch wenige davon. Im ganzen Land verstreut erinnerten nur noch seltsame Überbleibsel, wie riesige an 2 Pfosten befestigte Projektionsflächen und Schriftbilder an die Glanzzeit der “Drive In” Kinos. Herman van den Booms Fotografien zeigen die Reste ehemaliger Kulturorte, die er 1976 entdeckte, in öden, scheinbar verlassenen weiten Landschaften der USA, denen einst, wenn auch meist nur temporär, durch die "Drive In" Kinos Leben eingehaucht wurde.

Thomas Kellner und Herman van den Boom sind zur Eröffnung am 4. März von 19:00 bis 21: 00 Uhr anwesend.

Öffnungszeiten bis 18.03.2023: Mi. - Fr. 16 - 19 Uhr, Sa. 11 - 15 Uhr u.n.V.
Öffnungszeiten vom 19.03.2023 bis 02.06.2023: nur nach Vereinbarung.

in focus Galerie - B. Arnold
Hauptstraße 114
50996 Köln

www.infocusgalerie.com

1 1Vgl. Andrea Gnam, Eiserfelder Modellwelten, in: Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (Hg.), Fachwerkhäuser
des Siegener Industriegebietes heute, 2. Aufl., Berlin 2022, S. 24
2 2Ebd. S. 26

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